Eröffnung der Ausstellung am 28. Februar 2010 im Studio Capricornus, Eckernförde
( Rede von Dr. Uwe Beitz, Museumsdirektor, Eckernförde)

Sehr geehrte Frau Breustedt, lieber Jens, meine Damen und Herren,
Zeichnen heißt, aus Strichen ein Bild zu machen!
So lautet der 13. von 13 Sätzen des deutschen Schriftstellers Helmut Heißenbüttel (1921 -1996) über Zeichnungen von Monika Breustedt, verfasst im Jahre 1982. Was sich nach Binsenweisheit anhört, ist vielleicht auch eine, aber man muss sich immer wieder klar machen, dass das Zeichnen Grundlage jeden künstlerischen Schaffens ist, das sich des Graphitstiftes, der Kreide oder eines Kohlestiftes, einer Tuschfeder usw. bedient. Diese Stifte setzen und hinterlassen Striche, Linien oder Punkte, und Flächiges besteht, bei genauem Hinsehen – unter Zuhilfenahme einer Lupe – aus Strichen oder Punkten, die manchmal der Papierstruktur geschuldet sind.


Was auf den ersten Blick so einfach aussieht, ist jedoch Ergebnis disziplinierten Arbei¬tens. Jeder Strich muss „sitzen“ und seine Funktion im Bildganzen erfüllen. Vor ein paar Jahren hat Monika Breustedt in einem Interview gesagt:
„Das Zeichnen ist mein Beruf, das habe ich gelernt“.
Ihren scheinbar flüchtigen Skizzen und Zeichnungen aus Ligurien, Umbrien und Griechenland, die sie für diese kleine Ausstellung aus einem großen Fundus ausge¬wählt hat, sieht man an, dass sie ihr Metier beherrscht.
Gelernt hat sie, die in Bad Harzburg geboren wurde, zunächst in Bielefeld an der Werkkunstschule, dann an der Hochschule der bildenden Künste in Berlin, schließlich an der Pädagogischen Hochschule in Kiel. Lange bevor sie sich in Eckernförde niedergelassen hat, war sie schon mit Schleswig-Holstein verbunden, aber ein Stipendium führte sie in den 80er Jahren nach Worpswede, wo sie für längere Zeit blieb, ehe sie nach einem Zwischenaufenthalt auf Mallorca schließlich nach Eckernförde kam. Und nun lebt und arbeitet sie schon seit sieben Jahren hier und stellt in ihrer kleinen Galerie im Kattsund immer mal wieder in kleinen, aber sehr subtilen Ausstellungen Künstlerkolleginnen und -kollegen vor.
Diese Ausstellung im Studio Capricornus besteht aus zwei Teilen, die räumlich voneinander getrennt sind – in diesem Raum Fotografien (ich komme später noch genauer darauf zurück), im zweiten Raum zeigt uns Monika Breustedt mit Ausnahme der beiden Farbstiftzeichnungen kleinformatige Skizzen, die mit sicherem Strich und dem ausgesprochenen Gefühl für das Wesentliche Landschaftsausschnitte erfassen, die wie immer in ihren Arbeiten menschenleer, aber doch nicht unberührt vom Menschen sind.

Die Lebendigkeit dieser Zeichnungen entsteht aus der Variation der Strichlagen, mit denen Monika Breustedt den Gegenstand oder das Motiv beschreibt. Weite und enge Schraffuren schaffen hellere und dunklere Partien, die in der Verdichtung zum zentralen Motiv hinführen, es umkreisen, es betonen, ihm Bedeutung geben.

Ich darf noch einmal Helmut Heißenbüttel zitieren, der 1985 schrieb:

Bei ihren Zeichnungen gibt es immer wieder eine Tendenz zur Überschreitung der Grenzen des Bildgegenstands. Bäume, Häuser, Landschaftsflächen werden im Strich nicht isoliert, sondern die Strichlage reicht gleichsam weiter als das, was sie darstellt. Dabei wird immer wieder die Eigenbewegung (oder vielleicht sogar, U.B.) die Eigenmächtigkeit des Strichs deutlich.

Genau darin liegt aber das Künstlerische der Zeichnungen, das sich eben nicht mit der scheinbaren Wiedergabe der Realität begnügt – der Strich, oder besser: die vielen Striche, die sie aufs Papier setzt, schaffen keine Realitätskopie, sondern ein Bild, das die Künstlerin von ihrem Motiv, dem sie sich gegenüber sieht, hat bzw. ihm geben möchte. Sie betrachtet, beobachtet, und als Folge dieser Wahrnehmung selektiert sie das Wesentliche vom Überflüssigen, vom Störenden auch, denn die Natur nimmt keine Rücksicht auf Harmonie oder auf gestalterische Gesetze. Was beim Foto retuschiert werden müsste, lässt die bildkünstlerische Darstellung von vornherein weg. Die Zeichnung ist somit das Ergebnis eines Prozesses aus subjektiver Wahrnehmung, Selektion und Darstellung. Es entstehen keine Abbilder, sondern Darstellungen, die Typisches, Auffallendes, Besonders, die Wahrnehmung Fesselndes in Bilder übersetzen. Deshalb sind diese Skizzen nie unfertig, sondern zeigen alle Merkmale eines in sich abgeschlossenen Zeichenprozesses, dem nichts hinzuzufügen ist.

Zugleich stellen ihre Skizzen aber einen Motivfundus dar, der gelegentlich Eingang findet in größere Arbeiten, in Zeichnungen, aber auch in Ölmalerei, ohne jedoch nur einfach wiederholt zu werden. Sie sind Material, das nach Bedarf verarbeitet wird und sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen wiederfindet.

Aber in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit der wahrnehmbaren Umgebung greifen Künstler und Künstlerinnen wie Monika Breustedt auch zu optischen Hilfsmitteln, um sich der flüchtigen, sich verändernden Wahrnehmung eines Motivs zu vergewissern. Manchmal werden dabei bildnerische Ergebnisse erzielt, die so nicht erwartet wurden.

Vor gut 10 Jahren, noch auf Mallorca lebend, widmete sich Monika Breustedt dem Innenleben ihres kleinen Ateliers mit dem Fotoapparat, einer analogen Pentax-Kamera. Doch diese Aufnahmen sind nicht einfach nur direkte Ablichtungen der Art – links, rechts, vorn, hinten, oben, unten – , nein, sie reflektieren das Interieur auf ganz spezielle und durchaus verwirrende Weise.

In ihrem Atelier stand ein gerahmter Spiegel, schon etwas älter, aber noch nicht blind, wenn auch partiell etwas fleckig, mit einer merkwürdigen „Sonne“, einem Fleck unter dem Spiegelglas, der sich je nach Lichteinfall auf unverwechselbare Weise in Szene setzte. Irgendwann entdeckte die Künstlerin, dass sie den Raum mit Fenster, Tür, Tisch und Stühlen in interessanten Blickwinkeln und Perspektiven im Spiegel fotografieren konnte, das eigene Porträt mit der Kamera in der Hand und am Auge dabei nicht vergessend.

Aber das Aufnehmen dieser Spiegelungen allein war für Monika Breustedt nicht der einzige künstlerische Akt. Es ging ihr nicht um reine Dokumentation, sondern um Sichtbarmachung von etwas, das nur den Farb-Dias und -Negativen eigen war.

Die Künstlerin ließ die Aufnahmen vergrößern, zum Teil in Ausschnitten, und dann als sogenannte C-Prints, in diesem Fall als Laserausdrucke auf Folien oder Papier vervielfältigen. Durch die bei diesem Verfahren genutzten chemischen Prozesse entstanden Abzüge, die von ungewöhnlicher, vielleicht außergewöhnlicher Wirkung sind. Sie unterlegen dem gespiegelten Interieur durch Unschärfen, Auflösung der Farbe in eine Art Körnung, wie man sie früher auf speziellem Fotopapier erzielen konnte, eine morbide Stimmung, die es nur im Fotoabzug hat. Man fühlt sich an alte Fotografien, etwa im Laufe der Zeit verblasste Daguerreotypien des 19. Jahrhunderts erinnert.

Diesem Phänomen spürt Monika Breustedt in Einzelbildern, Montagen und Collagen nach. Der Betrachter seinerseits begibt sich auf Entdeckungsreise durch die Fotografien und ist irritiert von den Spiegelungen, die ja nur dann sichtbar und erkennbar werden, wenn die Fotografin selbst im Bild oder wenn der Spiegelrahmen Teil der Fotografie ist.

Auch wenn in dieser Ausstellung nur ein kleiner Ausschnitt aus dem umfangreichen Werk einer jetzt seit 33 Jahren freischaffenden Künstlerin zu sehen ist, so gewähren die ausgewählten Arbeiten doch einen faszinierende Einblick in die Bilderwelt der Monika Breustedt, die sich zwischen zeichnerischem Können und fotografischem Experiment bewegt. Was es zwischen diesen Polen ihrer Bildwelt noch gibt, können Sie, meine Damen und Herren, bei einem Besuch im Atelier Breustedt im Kattsund 36 entdecken.

Ich wünsche der Ausstellung viele neugierige und interessierte Besucher.

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